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Donnerstag, 28. Mai 2020

Der Rasenmäher

Stellen Sie sich vor: Sie liegen gemütlich an einem warmen Tag im Mai in einem kühlen Schattenplätzchen, Sie dösen vor sich hin, satt vom üppigen Mahl während der Nacht, über ihnen zwitschern Spatzen und Meisen um die Wette. Eine feine Brise raschelt im grünen Laub der Bäume und der fein duftenden, in voller Blütenpracht stehenden Sträucher. Es ist ein herrlicher Frühsommertag, ab und zu weht ein Gesprächsfetzen der Menschen herüber, die in den angrenzenden Gärten rumwerkeln, eine getigerte Katze räkelt sich in der Sonne, eine Amsel planscht in der Vogeltränke, Bienen sammeln summend den Nektar der vielen Blumen ein ... ein gleichmässig surrendes Geräusch nähert sich Ihnen und ….
Zack, ein unglaublicher Schmerz durchzuckt Ihr Gesicht und die linke Hand. Unbeschreiblich, quälend, brennend, bohrend, nicht aufhörend, sich sogar noch steigernd, ohnmächtig. Sie können nicht mal schreien, so stark ist der Schmerz, der Ihren ganzen Körper erfasst. Dann liegen Sie da, Sie können sich nicht bewegen, sie können nicht sehen, nur noch schwach hören. Mit der Zeit ebbt der jähe Schmerz etwas ab, es ist nunmehr ein dumpfes Pochen. Irgendwann hören Sie ein anderes Summen, aggressiv und nichts Gutes verheissend. Zwei Tage liegen sie still da, sie konnten nicht essen, nicht trinken…niemand kommt, niemand hilft, niemand sieht Sie, auch wenn Sie draussen die Leute im Garten hören, die Bienen summen über Ihnen, die Katze räkelt sich wieder in der Sonne und dann macht sich ein anderer Schmerz bemerkbar, ein brennender…und irgendwas bewegt sich auf Ihnen, in Ihnen und dazu kommt der üble Geruch, der von den schmerzenden Stellen kommt…
Mit letzter Kraft schleppen Sie sich aus dem vermeintlich schützenden Gebüsch in die pralle Sonne und plötzlich fühlen Sie Hände, die Sie vorsichtig hochheben. Sie werden in eine Kiste mit Papier gelegt. Die Schmerzen sind immer noch da, stark und irgendwie überall. Sie rollen sich so fest als möglich zusammen…bitte nicht noch mehr Schmerzen!!! Durst, Hunger, und Fieber lassen Sie halb in Ohnmacht schweben, als Sie plötzlich einen süsslich-scharfen Geruch einatmen. Wehren mögen Sie sich nicht, sie sind richtig dankbar, als Sie langsam schläfrig werden … den kleinen Piekser in den Bauch spüren Sie schon nicht mehr; die Schmerzen schwinden, Sie hören wieder die Bienen summen, die Vögel zwitschern und fragen sich, ob die Katze sich immer noch im Gras räkelt. Dann ist nichts mehr.

So geht es einem Igel, der im schützenden Gebüsch seinen Tag verschläft, müde von der nächtlichen Wanderung durch die Gärten auf der Suche nach Futter und einem Schlafplatz. Das gleichmässig surrende Geräusch ist ein Rasenmäher, der nicht auf schlafende Igel reagiert und mit seinen scharfen Messer Gesicht, Pfoten und Beine eines Igels mühelos zerschneidet oder abhakt; sei es geführt von Menschenhand, der jeden Grashalm gekürzt haben muss oder von einem Roboter, der ebenfalls alles niedermäht, was klein genug ist. Das aggressive Summen stammt von Schmeissfliegen, die ihre Eier nicht nur auf Aas legen, sondern auch auf fitte Tiere, die Verletzungen aufweisen. Der brennende Schmerz, der auf und in dem Igel wütet, das sind die Maden, die sich von der Wunde aus in tiefere Schichten fressen, auch beim lebendigen Tier. Der üble Geruch stammt von verwesendem Fleisch und der süsslich-scharfe Geruch ist das Narkosegas, damit der Tierarzt, zu dem der verletzte Igel gebracht wurde, das Tier richtig untersuchen konnte. Der Piekser war die Tötungsspritze, die in einem solchen Fall die letzte Möglichkeit ist, das Leiden zu verkürzen.

Bitte, verzichten Sie auf zu saubere Gärten! Bitte verzichten Sie auf den bedenkenlosen Einsatz von Robotrasenmäher, von Tellersensen und Fadenmäher! Igel und Co. werden es Ihnen danken. Denn die Tiere sind durch die Verletzung nicht einfach tot. Sie verenden elendiglich. Es kann tagelang dauern.

Dr. med.vet. R. Tschachtli

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